Ein Jahr ist kaum vergangen nach dem letzten deutschlandweiten Gesangsworkshop, da strömten die urbegeisterten und neue Sängerinnen und Sänger, von CONTI gelockt, ins an Natur und Kunstwerken reiche Münsterland, das heute zwar immer noch schwarz wie der Pumpernickel ist, aber auch Protestanten, sofern sie nicht Wiedertäufer sind, problemlos willkommen heißt. Angeführt von der schon seit langem bewährten Dr. Elisabeth Peters, eroberten sie für eine Woche die ehrwürdige Benediktiner-Abtei Gerleve und machten nachmittags per Bus die Umgebung unsicher.
Am Vormittag waren sie einem Mann ausgeliefert, der trotz seines Spätrentenalters so furchtbar lebendig war, dass er jeden Morgen mit seinen Allroundübungen auch die Lahmsten und müdesten erst körperlich und dann stimmlich in Bewegung brachte. Wie konnte er sich das herausnehmen und warum ließ sich die Gruppe das gefallen? Er hatte eine Lizenz: Dirigent, und eines ist sicher: Im Unterschied zum Mörder ist der Chorleiter immer ein Gärtner! Da gibt’s den jüngeren Martin, der bei einer hohen Stirn mit langem strähnigen grauen Haupthaar als Guru gilt und den reiferen Profitenor Bernhard, dessen körperliche Größe negativ reziprok seiner Leistungsfähigkeit ist. Das braucht er auch, um die hunderte von Jahren vor ihm auf den Stühlen in Schwung zu bringen. Dabei betonte er unermüdlich die aufrechte Haltung mit aufgeblasenem Brustumfang, wobei die Männer grundsätzlich im Nachteil waren. Er zeigte bis zuletzt – seine typische Handbewegung fürs Beruferaten – immer beidseitig bildhaft, wo die Luft, vom Bauch reingepumpt, festgehalten und nur sparsam zur wohlgeformten Tonbildung ganz locker aus der Mundöffnung entlassen werden sollte. Akribisch feilte er an schwieriger Stelle jede kleine Nuance, kämpfte gegen das Absinken von Sopran und Alt und war nur schwer in seinem begeisterten Tempo zu bremsen. Mit amüsanten Anekdoten hielt er das sehr beanspruchte Volk beisammen, hob die Frauen in die Höhe und half dem Bass in die Tiefe und trieb den Tenor zur fast silbernen Klarheit. Alle sollten singen, nicht sinken. So dauerte es, bis er mit dem Klang zufrieden war.
Elisabeth sah das alles als Beobachterin von Freud und Leid der Teilnehmer- innen (und außen?). Aber sie war auch wachsame Fürsorgerin, als sie ein vergessenes Handy unter Einsatz ihrer Freizeit mit letzten Kräften aus Lamberti holte oder eine Schmerztablette für einen Armleidenden besorgte. Überhaupt war sie mit ihrer meditativen Stimme, die, zumal beim Mittagsnickerchen, einfach Wohlgefühl verbreitete, eine ebenso liebenswerte wie fachkundige Mutter der Kompanie, die sie unterwegs gewissenhaft zu erlösenden Wasserspielen schickte. Hauptsächlich konnte sie der interessierten Gruppe ihr fundiertes Wissen in Kathedralen, Kirchen, Burgen und Schlössern mit der zugehörigen Geschichte vermitteln, aber sie zeigte auch, welche ungeahnten Reize ein westfälischen Dorfmuseum bietet dank einer sehr versierten Führung eines Studenten der Physik und Geschichte mit der eindrucksvollen Dorfschule, die erst 1958 der letzte Schüler verlassen hatte. Ähnliches galt für die Herde von 400 Wildpferden im Merfelder Bruch mit sehr interessanten Informationen durch die Oberforstinspektorin über die Organisation der Pferde als Schule mit einzelnen Klassenstufen und steigendem Kenntnisstandard.
Münster, weltbekannt durch einen Krimi, bietet zuhauf Erinnerung an altes und neueres Geschehen, das in Stein und Glas sichtbar wird, in Zerstörung und Wiederaufbau. Erschütternd die Wirkung der Wiedertäufer, deren radikaler Bildersturm fast alle Kunstwerke im Dom zerstörte. Das Grab des Kardinals von Galen ließ an den mutigen, aber erfolglosen Versuch denken, sich den unmenschlichen Nazis entgegenzustellen.
Lamberti hat nicht nur Käfige auf dem Dach, in denen die Leichen der religiösen Extremisten demonstrativ verrotteten, sondern von der außergewöhnlichen hängenden Orgel bis zur romanischen Kreuzigungsgruppe und der schwangeren Madonna eine reiche Ausstattung für ein intensives Interesse.
Nach dem Mühlenhof-Museum – es gab anfangs immer im Wechsel einen Tag mit Kirchen und einen ohne, wohl, damit die Frömmigkeit nicht überhandnimmt – war in Billerbeck außer dem modernen, gut bestückten Glasmuseum der Unternehmerin Ernsting der riesige Ludgerus-Dom unser Ziel. Obwohl er keine wirkliche Kathedrale ist, ragen, einer solchen ähnlich, seine Türme von 100 m weit sichtbar ins Land. Seine Größe erstaunt in einem Ort, der laut KI 1895 1508 Einwohner hatte, heute 17 000. Damals wollten die Katholiken nach Ende des von Bismarck verlorenen Kulturkampfes mit diesem Bauwerk Selbstbewusstsein zeigen, was angesichts der größten Orgel Norddeutschlands für 1,2 Millionen Spenden bis heute ungebrochen erscheint. Wir konnten uns durch ein kleines Konzert des Organisten und Kantors Lukas Maschke mit einer Erklärung des Blasinstruments von der überragenden Qualität überzeugen.
Am Ende standen ein opulentes Landhaus und ein Schloss mit besonderem Park. Ersteres, das Rüschhaus, bewohnte u.a. mit Mutter und Schwester die „westfälische Dichterfürstin“ Annette von Droste-Hülshoff. Der berühmte Baumeister Johann Conrad Schlaun erbaute es für sich als Mischung von Sommerschloss und Bauernhof. Es wurde zum Glück von den Drostes erworben. So konnte nach dem Tod ihres Vaters die Schriftstellerin mit ihrer Mutter und Schwester dort einziehen. Sie bekam vier kleine durch schattige Bäume ziemlich dunkle Zimmer, im frisch eingerichteten Zwischengeschoss, wo sie sich aber wohlfühlte. Die zarte Person von 148 cm hatte offenbar dort Raum genug. Hier entstanden ihre Schriften und Gedichte, zudem die meisten von ihren tausend Briefen (480 erhalten!). Geboren und aufgewachsen ist sie in der 5 km entfernten Burg Hülshoff, dem Stammsitz der Drostes seit 1437. Sie kam als extreme Frühgeburt zur Welt, unter deren Folgen sie ihr Leben lang litt. Annette war im Gegensatz zu ihrem Erscheinungsbild eine starke Persönlichkeit, die mit ihrer Eigenständigkeit und ihrem Anspruch als berufsmäßige Schriftstellerin ihre Umwelt irritierte, die das unerhört fand. Aber sie hat sich mit größtem Erfolg bis heute einen Namen gemacht.
Zum Finale machte der Chor die Sonntagsmesse der Anna-Katharina-Kirche zu Coesfeld zu einem besonders feierlichen Ereignis. Von Bernhard engagiert und suggestiv geführt lief das Ensemble zu seiner besten Form auf mit Kyrie, Laudate-Hymnus, Schubert-Heilig und dem Antiphongesang „Aller Augen“. Es gab lebhaften Beifall, auch schon zur Begrüßung. Wie stolz fühlte sich der so aufwendig und gekonnt geformte Klangkörper, der sich, begeistert über die gelungen Aufführung, am Ende das „Santo, Santo“ als Zugabe gönnte!
Der letzte Ausflug führte in das eine Stunde entfernte Schloss Nordkirchen, das “Versailles Westfalens“. Geplant und begonnen wurde es vom Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg, der drei Jahre nach der Grundsteinlegung durch den Tod an der Vollendung seines ehrgeizigen Projektes gehindert wurde. Sein Neffe, Freiherr von Plettenberg-Lehnhausen, zog mit seiner Familie dort ein, also keine schattigen Ergebnisse eines bisher unerforschten westfälischen Seitensprungs des Sonnenkönigs. Die Fürstbischöfe von Münster nutzten in der Folgezeit gern die prachtvolle Anlage, die mehrfach den Besitzer wechselte, als ihre Residenz. Zwei Stunden kräftezehrende Besichtigung boten kunstreiche Schlossräume mit italienischem Stuck, zahlreichen Gemälden, davon eins in der Kapelle einzigartig: auf Leinwand in Öl gefertigt und bis heute perfekt an die Decke geklebt. Ein Gang durch den ergötzlichen Barockpark brachte Genuss fürs Auge, aber vor allem frische Luft für die Lungen nach dem Muff des schwer zu lüftenden Inneren. Das war ein tapfer erlaufener Höhepunkt zum Abschluss einer geglückten Woche mit Gesang, bestens organisiert und umgesetzt von der vorbildlichen und besonders liebenswerten wie kenntnisreichen Reiseleiterin Dr. Elisabeth Peters in der ruhigen Gastfreundschaft des Benediktinerklosters und vom Bernhard Gärtner, der nicht nur seine Chorführungsqualität bewies, sondern zum Abschied auf allgemeinem Wunsch eines einzelnen locker vom Hocker in drei Arien mit seiner Stimme begeisterte. Für ihre hervorragende Leistung gilt ihnen Lob und Dank, auch für die Vorfreude dank ihnen auf die nächste Chorfahrt, die schon jetzt gebucht wird.
von Bruno Maroscheck Abtei Gerleve, 19.Juli 2026

